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taz Nr. 7233 vom 13.12.2003

Mahnmal für Homosexuelle: Späte Anerkennung

Rot-Grün hat gestern ein Mahnmal für Homosexuelle beschlossen. Damit dürfte die seit Jahren umherspukende Befürchtung Aufwind bekommen, dass nun, peu à peu, eine Gedenkmeile entsteht. Wenn die Homosexuellen ein eigenes Denkmal bekommen, warum nicht auch die Zeugen Jehovas, die bibeltreuen Christen, die Kommunisten, die Zwangsarbeiter? Und und und?

Nun - warum nicht? Was spricht dagegen? Offenbar die Befürchtung, dass somit eine Art Opferkonkurrenz inszeniert wird. Doch dieses Argument zieht nicht. Die "Opferkonkurrenz", der oft gereizte Ton, in dem die Debatte um das Homosexuellen-Mahnmal und jenes für Roma und Sinti geführt wird, stammt nicht aus der Denkmalsdebatte. Er stammt aus dem zutreffenden Gefühl, dass die bundesdeutsche Mehrheitsgesellschaft, die neuerdings so viel auf ihre Vergangenheitsbewältigung hält, Homosexuelle und Roma und Sinti als Opfer zweiter Klasse behandelt hat. Etwa 15.000 Homosexuelle wurden in KZs inhaftiert, entschädigt wurden in den 50er-Jahren acht. Mit 5.000 Mark. Jahrzehntelang galt die bundesdeutsche Regierungsdoktrin, dass Homosexuelle keiner spezifischen NS-Verfolgung ausgesetzt waren. Und, kleine Erinnerung, die Verfolgung von Homosexuellen endete nicht 1945.

Auch das Argument, dass so partikulare Interessen von Lobbygruppen gefördert würden, ist schräg: Was wäre die Alternative? Ein Denkmal für alle? One size fits all? Wäre diese Perspektive nicht dem Blick der Nazis verwandt, die Roma und Schwule, Kommunisten und Zeugen Jehovas gleichermaßen verachteten? Nein, wenn eine Opfergruppe in Berlin repräsentiert sein will, gibt es keinen triftigen Grund, ihr dies zu verweigern.

Die Union hat gestern gegen den rot-grünen Plan für ein Homosexuellen-Mahnmal votiert. Es war eine halbherzige Ablehnung. Man ist irgendwie dagegen, ohne selbst allzu viel Interesse für die eigenen Argumente aufbringen zu können. Auch die Union scheint zu akzeptieren, dass die Erinnerung an die NS-Opfer zum bundesdeutschen Selbstbild gehört - erst recht seit Angela Merkel die Anerkennung der Singularität des Holocausts zur Parteiräson erklärt hat.

58 Jahre nach dem Krieg und nachdem die letzten Vertreter der Tätergeneration von der Bühne abgetreten sind, ist es keine Großtat, an Opfer zu erinnern. Aber es ist notwendig. Fehler anerkennen zu können gehört zu der zivilen Kraft einer Gesellschaft.



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taz Nr. 7233 vom 13.12.2003, Seite 1, 82 Zeilen (Kommentar), STEFAN REINECKE

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