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taz Nr. 6437 vom 4. Mai 2001

SCHRÖDER MUSS SICH FÜR DAS GEDENKEN AN SCHWULE NS-OPFER EINSETZEN

Ein nötiges Zeichen

Der Vorschlag, das Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor dem nationalsozialistischen Mord an den europäischen Juden zu widmen, war bei seiner Geburt nicht unumstritten. Viele Vertreter weiterer Opfergruppen mochten nicht einsehen, was ihre Vorfahren von denen der Juden unterschied. Tatsächlich hatten - und haben - Sinti und Roma oder schwule Männer lediglich eine schlechtere Lobby im Establishment der Bundesrepublik. Die Schuld am Holocaust ist spätestens seit Ende der Sechzigerjahre Teil der politischen Reflexion in Deutschland. Nur zur Erinnerung: Damals bestritten Opferorganisationen wie die VVN noch den spezifisch nazistischen Gehalt der Verfolgung von Schwulen und Zigeunern.

Grundsätzlich wäre es besser gewesen, das Mahnmal wäre all jenen gewidmet worden, die auf Grund ihres Seins - und nicht ihrer Überzeugungen - Opfer der NS-Politik geworden sind: also Juden, Homosexuellen, Sinti und Roma. Es hätte deutlich gemacht, dass das Vernichtungsinteresse der Nazis sich nicht auf eine "Rasse" allein bezog, sondern auf alles, was nach ihrem Verständnis des "deutschen Volkskörpers" fremd und folglich liquidierbar erschien. Zumindest vor den Selekteuren des NS-Regimes waren die Opfer nämlich alle gleich: Juden, weil Nazideutschland in ihnen verderbliche Liberalität entdeckte. Zigeuner, weil sie nicht im deutschen Kleinbürgersinne zivilisierbar waren. Und Schwule, weil sie allein wegen ihrer sexuellen Orientierung der Idee des Mannes als eines gefühllosen Soldaten Hohn sprechen.

Trotzdem muss respektiert werden, dass nach langen Diskussionen das Holocaust-Mahnmal den Juden gewidmet ist - und niemandem sonst. Insofern ist die Initiative des Lesben- und Schwulenverbandes für ein Denkmal zur Erinnerung an die homosexuellen NS-Opfer zu begrüßen. Nicht im Bezirk Schöneberg - wie vor der Nazi-Machtübernahme 1933 heute das Homoviertel der Hauptstadt - sollte es gebaut werden, sondern ebenfalls in der Nähe des Brandenburger Tors, mitten im alten und neuen politischen Zentrum Deutschlands. Zum Zeichen, dass die vollständige Kriminalisierung des Homosexuellen einst von der politischen Elite Deutschlands beschlossen und exekutiert wurde. Und als Symbol für jene neuen Nazis, die heute gerade dort so gerne demonstrieren.

So könnte das neue Deutschland zeigen, dass es seine Minderheiten nicht mehr missachtet. Übrigens: Zu den Erstunterzeichnern gehören bisher unter anderem Prominente wie Lea Rosh, Paul Spiegel, Romani Rose, Günter Grass und Dieter Schulte. Die Signatur von Gerhard Schröder fehlt. Er sollte sich nicht zieren, dieses Mahnmal zu seiner Sache zu machen. JAN FEDDERSEN

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