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Christopher Street Day diesmal ganz politisch

500000 Menschen bei Schwulenparade in Berlin

Nie zuvor haben Politiker den schwul- lesbischen Christopher Street Day so zur Kenntnis genommen wie diesmal. In Berlin regte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ein Mahnmal für die von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten Homosexuellen an.

Von Birgit Loff, Berlin

Allen voran mahnte der zweite Mann im Staate, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, auf der Abschlusskundgebung unter der Siegessäule zu mehr Toleranz für die verschiedenen Lebensformen. Vor dem Roten Rathaus flatterte am Wochenende zur Feier des Tages höchst offiziell die Regenbogenfahne, die der ehemalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) dort nicht hatte dulden wollen. Der Bundeskanzler steuerte ein Grußwort bei, mit Renate Künast und Jürgen Trittin (beide Grüne) kamen zwei Bundesminister, und Klaus Böger, sozialdemokratischer Schulsenator und Bürgermeister von Berlin, eröffnete den Festzug poppiger Wagen und Kostüme mit energischem Schnitt durch eine regenbogenbunte Girlande und der Bemerkung "und das ist gut so''.

Diese Worte, mit denen sich kürzlich sein Parteifreund, Berlins neuer Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, unter dem Druck befürchteter Veröffentlichungen als homosexuell outete, machen bundesweit die Runde. Gesteigert und vielfältig abgewandelt, wurden sie in Berlin auf T-Shirts spazieren getragen, etwa: "Ich bin lesbisch, und das ist noch viel besser.''

Allerdings waren es nicht beschriftete T-Shirts oder regenbogenfarbene Hosenträger über weißem Hemd, die allein in der Hauptstadt über eine halbe Million Zuschauer zur Christopher Street Parade lockten, sondern schrille Fummel und Outfits mit freizügigen Einblicken.

Wowereit, nach den Verhandlungen zum Länderfinanzausgleich doch noch zur Abschlusskundgebung gekommen, wurde begeistert begrüßt und versicherte, Berlin sei kein Ort der Intoleranz. Er wünsche sich, dass in Zukunft die sexuelle Orientierung von Politikern kein Thema mehr sein werde und die Frage, ob Outing oder nicht, eine höchst persönliche, ohne äußeren Druck zu treffende Entscheidung.

Zum 23. Mal erinnerte der Zug in Berlin und zahlreichen anderen Städten an eine Razzia in Szenelokalen in der New Yorker Christopher Street im Juni 1969 und den Widerstand von Schwulen gegen die Polizei. Motto des Tages in der Bundeshauptstadt war "Berlin stellt sich que(e)r gegen rechts'', ein Wortspiel mit der amerikanischen Vokabel für schräg und homosexuell.

Als "bekennender Katholik'', meinte Bundestagspräsident Thierse, es sei es für ihn eine Frage von Akzeptanz und Respekt vor dem anderen, wie man sich zur Homosexualität stelle. Berlin habe einen neuen Regierenden Bürgermeister, sagte Thierse unter tosendem Beifall, "und das ist auch gut so''. Er regte ein Mahnmal für die vielen tausend von Nationalsozialisten deportierten und ermordeten Homosexuellen an.

Wolfgang Thierse mag etwas Augenfälligeres im Sinn haben als den seit langem existierenden, nicht aufwendigen, aber um so eindrucksvolleren Gedenkort neben dem südlichen Eingang zum U-Bahnhof Nollendorfplatz. Dort ist ein auf der Spitze stehendes Dreieck in rötlichem Stein in die Wand eingelassen. "Totgeschlagen, totgeschwiegen - den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus'' steht darauf eingraviert.

Eine Bronzeplatte erläutert, der auf die Spitze gestellte "Rosa Winkel'' sei das Zeichen gewesen, mit dem die Nationalsozialisten Homosexuelle in den Konzentrationslagern kennzeichneten und diffamierten. Sie forcierten ab Januar 1933 die Schließung fast aller Homosexuellenlokale rund um den Nollendorfplatz. Bei Razzien wurden so genannte Rosa Listen angelegt. Sie dienten später unter anderem dazu, die Deportationen in die KZ zu organisieren.

Auch nach dem Krieg wurden Homosexuelle sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR strafrechtlich verfolgt. Erst im vergangenen Jahr, 55 Jahre nach Kriegsende, nahm der Deutsche Bundestag die Verfolgung von Homosexuellen während der NS-Zeit als "offenbares nationalsozialistisches Unrecht'' offiziell zur Kenntnis.

Am Sonntag wurde Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, mit dem Preis für Zivilcourage des Berliner Vereins Christopher Street Day ausgezeichnet. Spiegel wurde für sein Engagement gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit geehrt.

Stuttgarter Zeitung, 25. Juni 2001

www.stuttgarter-zeitung.de

 

 

 

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