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Namen auf hellroten Ziegeln

Gedenken an homosexuelle Opfer der Nazis

ORANIENBURG (juzi) - Es galt als Hölle in der Hölle: Das Strafkommando Klinkerwerk im Konzentrationslager Sachsenhausen. Wer dorthin kam, den erwartete schwerste Arbeit unter elendigen Bedingungen und die sadistische Willkür der SS. Der Tod durch Hunger, Erschöpfung oder Ermordung lauerte überall. In das Kommando kamen die Häftlingsgruppen, die in der Hierarchie der Nazis ganz unten rangierten: Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle.

Gestern wurde am Hafenbecken des ehemaligen Klinkerwerks der dort ermordeten Homosexuellen gedacht. Von Juli bis September 1942 führte die SS eine gezielte Mordaktion an über 200 Häftlingen dieser Gruppe sowie an wegen "Amtsanmaßung" Inhaftierten durch. Die Initiative "Der homosexuellen NS-Opfer gedenken" und der Lesben- und Schwulenverband gedachte der Ermordeten mit einem provisorischen Denkmal aus hellroten Ziegeln. Auf den zu einem Dreieck zusammengelegten Steinen standen die Namen von 90 Opfern mit schwarzer Wachsmalkreide geschrieben. Rosa-farbene Nelken und Kränze wurden niedergelegt.

Dies sei das erste Mal, dass unter Beteiligung der Gedenkstätte Sachsenhausen an diesem Ort der homosexuellen Opfer gedacht werde, sagte Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstäten. Erst seit Mitte der 1990er Jahre habe sich in Oranienburg ein Bewusstsein für den 180 Hektar umfassenden Komplex des ehemaligen Klinkerwerks entwickelt, steige das Bemühen um eine bessere Zusammenarbeit von Stadt und Gedenkstätte. Morsch erläuterte das Konzept für einen Gedenkpark, der das Gebiet des ehemaligen Klinkerwerkes in Zukunft umfasen soll.

Zwar sollte das Klinkerwerk das notwendige Baumaterial für die von den Nazis geplante monumentale Stadt Germania liefern. Doch habe dieser Größenwahnsinn nur als Verschleierung für den eigentlichen Sinn des Klinkerwerks gedient - der Vernichtung angeblich unwerten Lebens durch Sklavenarbeit und Quälerei, erklärte Dr. Andreas Nachama, Direktor der Berliner Stiftung Topographie des Terrors. "Wer kann das verstehen? Wer das verstehen kann, hat gar nichts verstanden", so Nachama.

Die Namen auf den Ziegeln ließen die hinter den Zahlen der Opfer versteckten Einzelschicksale erahnen. Von vier Ermordeten konnte Eberhard Zastrau von der Initiative "Der homosexuellen NS-Opfer gedenken" und Mitglied im Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten einen Abriss ihrer Lebensgeschichte vortragen.
In Oranienburg hätten Ernst Homuth und Walter Schneider gelebt. Beide wurden im Frühjahr 1942 in Sachsenhausen inhaftiert - hatten vorher in einfachen Verhältnissen gelebt, einer von ihnen als Kutscher. Tod bei Fluchtversuch und Selbstmord durch Erhängen seien die offiziellen - anzuzweifelnden - Todesursachen. Tragisch ist auch die Geschichte von Friedrich Brüchmann, der glaubte, durch eine Kastration sein Leben retten zu können. Am 17. Juli wurde auch er - wenige Tage nach der Operation - ermordet.
Zastrau hofft, dass im künftigen Gedenkpark auch ein fester Ort der Erinnerung für die homosexuellen Opfer des Klinkerwerks eingerichtet werde. "Wir wollen bewusst an die Namen erinnern. Bei Juden und anderen Opfergruppen wird das Gedenken oft in den Familien weitergegeben, bei den Homosexuellen war das nicht so", sagte Zastrau. Dies übernehme nun die Initiative, die vielen Zeitzeugenberichten nachrecherchiert, um die Lebenswege der ermordeten Homosexuellen zu rekonstruieren.

Oranienburger Generalanzeiger, 01. Juli 2002

 

 

 

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