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Der sexuelle Code und die Politik

"Verfolgung homosexueller Männer in Berlin 1933 - 45"

Eine Ausstellung im Schwulen Museum Berlin und in Sachsenhausen - sowie eine Aktion von Amnesty International für Simbabwe

Gerwin Klinger

Ein Flair von Heiterkeit und Lebenslust umgibt Tsitsi Tiripano. Mit kraftvoller Stimme und einem Schuss Humor erzählt sie den Zuhörern im Berliner Haus der Demokratie ihre Geschichte: vom Schicksal und Sich-Behaupten einer Frau aus Simbabwe, die als Lesbe lebt - in der Enge einer ländlichen Traditionsgesellschaft, unter der Fuchtel eines postkolonialen Diktators. Ein schwerer Weg. Auf dem Land ohne Schulbildung aufgewachsen, wird sie mit vierzehn Jahren an einen vierzig Jahre älteren Mann verheiratet. Sie bekommt zwei Kinder. Als sie mit einer Freundin gesehen wird, heißt es, sie sei ,lesbisch' - ein Wort, das sie bis dahin nicht kannte. Sie sollte es lernen. 1996 betreut sie auf der internationalen Buchmesse von Harare einen Bücherstand der GALZ, der Gays and Lesbians of Zimbabwe. Studenten überfallen den Stand. Die Aktion geht durch die Presse, die Familie verstößt sie, nimmt ihr die Kinder weg. "Nieder mit dem Homo-Sex!", hetzt der Frauen-Verein im Dorf. Steine fliegen. Mit knapper Not rettet Tsitsi Tiripano sich nach Harare und schließt sich der GALZ an - "my beloved organisation".
Tsitsi Tiripano erzählt nicht als leidendes Opfer. Ihre Geschichte handelt vielmehr von der Befreiung einer Frau, die sich der Fesseln einer ländlich-patriarchalen Ordnung entledigt, die ihre sexuelle Identität gewinnt und für ihre Interessen kämpft. Solche Ausbrüche und Aufbrüche gegen die Tradition der Mehrheitsgesellschaft werden allerdings in Simbabwe gefährlicher. Auseinandersetzungen um ungelöste Probleme aus der Zeit der Apartheid drohen, zum Bürgerkrieg zu eskalieren: Schwarz gegen Weiß, Landlose gegen Landbesitzer. Veteranen-Milizen des Präsidenten besetzten die Farmen der weißen Landbesitzer. Mehr und mehr entgleiten ihre Übergriffe der Kontrolle Robert Mugabes, welcher Sündenböcke braucht für die sich zuspitzende Dauermisere des Landes und dafür auch die Ressentiments gegen Schwule und Lesben einsetzt. Er brandmarkt die sexuellen Dissidenten als Träger einer "dekadenten Kultur des Westens".

Verschiedene Stigmatisierungen kommen hier zusammen: Homosexualität ist widernatürlich, unafrikanisch und weiß - Weiße sind kolonialistisch, ausbeuterisch, homosexuell und zersetzen Afrikas Kultur. Vor kurzem wurde in Simbabwe ein Gesetz erlassen, das Homosexualität mit bis zu sieben Jahren Gefängnis belegt. Schwule und Lesben droht die Wucht der Aggressionen zu treffen - des Mobs oder der staatlich organisierten Gewalt. Amnesty International hat den Fall Tsitsi Tiripanos zum Anlass genommen, eine Aktion für die Rechte von Schwulen und Lesben in Simbabwe zu starten.

Wo ein Regime seine Macht über den Aufbau von Feindbildern sichert, wird Homosexualität verfolgt: So lehrt es auch die Ausstellung über "Verfolgung homosexueller Männer in Berlin 1933-45", die das Schwule Museum in Berlin-Kreuzberg in Verbindung mit einer ergänzenden Dokumentation in der Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen zeigt. Sie dokumentiert die Nazi-Repression gegenüber einer Minderheit, deren Anerkennung als Opfergruppe in der deutschen Öffentlichkeit erst zögernd akzeptiert worden ist. Die administrative Unterdrückung der Homosexuellen setzte 1933 ein: Das Sexualwissenschaftliche Institut von Magnus Hirschfeld wird sofort geschlossen, 1935 wird der Paragraph 175 verschärft und ein Jahr später die "Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität" eingerichtet. Seit 1940 wurden Schwule in Vorbeugehaft genommen. In den KZ sollten sie "umerzogen" werden, auf brutale und sadistische Weise. In Sachsenhausen wurden sie auffallend häufig für Strafkompanien oder medizinische Experimente ausgewählt.

Das Verdienst der Kreuzberger Ausstellung ist die überfällige Würdigung der schwulen KZ-Opfer, die "offiziell" lange verschwiegen wurden. Das Schweigen war symptomatisch: In der Bundesrepublik blieb der Paragraph 175 in verschärfter Nazi-Form bis 1969 in Kraft - was bei der Bearbeitung von Entschädigungsbegehren Auswirkungen zeitigte. Erst mit der Weizsäcker-Rede von 1985, die die "getöteten Homosexuellen" erwähnt, ändert sich das. Die Stärke dieser Ausstellung nun liegt gerade darin, dass sie das Leiden der Schwulen würdigt, ohne Opfer-Legenden zu produzieren. Sie geht ins biografische Detail, wodurch im Einzelfall das Denkmal des reinen Opfers Risse bekommt.

Die bündische Jugendbewegung und die Pfadfinder hatten in den 30er Jahren der Werbung und dem Druck von Seiten der Hitler-Jugend nicht lange standgehalten. Ein Einfallstor für ihre freundlich-feindliche Übernahme war der homoerotisch aufgeladene Führerkult innerhalb der Jugendbewegungen, wo sich die Älteren "ihren Jungen keilten": Hierin waren sie mit den männerbündischen Führungszirkeln der NS-Bewegung durchaus kompatibel. Ein Video im Rahmen der Ausstellung dokumentiert den Bericht des Pfadfinder-Führers Heinz Dörner, der beschreibt, wie das bündische Milieu vereinnahmt wurde. Seine Eroberung ging einher mit kränkendem Freundesverrat und unvermuteten Seitenwechseln. Die Röhm-Morde im Verlauf der Entmachtung der SA 1934, die auch als anti-homosexuelle Säuberungsaktion legitimiert wurde, erkannte Dörner ein böses Vorzeichen. Er wird mehrfach verhaftet und überlebt das KZ Sachsenhausen. Damals wurde auch die urbane Subkultur der Berliner Schwulen durch die Nazis zerstört. Cafes und Bars wie das "Monokel", das "Monbijou" oder das "Eldorado" wurden observiert und geschlossen. Mangels "objektiver" Kriterien stützte sich die Verfolgung Homosexueller mehr noch als die der Linken oder der Juden auf Denunziationen. Stricher und Wirte von Schwulen-Treffs wurden gezwungen, Namen zu nennen. Besonders in der Künstler- und Theater-Szene war der Verrat durch karrieristische Kollegen gefürchtet. Mancher Schwule suchte Deckung in einer Tarnehe. Bruno Balz etwa, der Lieder für Zarah Leander und Heinz Rühmann schrieb, wurde verhaftet; nach seiner Entlassung (auf Betreiben Zarah Leanders) ging er eine Ehe ein.

Während der Führung durch die Ausstellung im Schwulen Museum meldete sich ein älterer Herr ganz ruhig zu Wort: "Da ist nicht nur Unrecht geschehen. Ich hoffe, hier zu erfahren, was aus dem Lehrer wurde, der mich als Schüler missbrauchte. Der wurde eines Tages abgeholt. Ich kann nicht sagen, dass er mir leid getan hat." Auf offene Zustimmung konnten die Nazis rechnen, wo sie als Verteidiger von Ordnung, Sitte, Normalität auftraten: so wenn sie beim Missbrauch Minderjähriger durchgriffen, der bis zur Ununterscheidbarkeit mit der Homosexualität in Verbindung gebracht wurde.

Wie aber unterscheidet man Täter und Opfer, ohne die einen zu dämonisieren, ohne die anderen zu heroisieren? Der biographische Schwerpunkt der Ausstellung wird an diesem Punkt zu ihrer Stärke: Sie setzt schwulenfeindlichen Klischees eben nicht das Klischee des makellosen Opfers entgegen, sie entdeckt auch die Grauzone der Übergänge. Solche Differenzierung setzt den Abschied von ideologischen Weltbildern voraus. Wenn die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek in einem Interview dem FPÖ-Star Jörg Haider unterstellt, er benutze im Rahmen seiner populären Strategie "homophile Codes", fühlt sich mancher engagierte Schwule homophob-antifaschistisch instrumentalisiert. Homosexuelle sind ohne Zweifel oft Opfer gewesen, zu Denkblockaden führen darf das nicht: Sie können sehr wohl Täter sein, unabhängig von der geschlechtlichen Orientierung. Gibt es denn überhaupt so etwas wie "homophile Codes"? Und dürfte man deren strategisch-medialen Einsatz auch dann unbekümmert erwähnen, wenn Landeshauptmann Haider wirklich schwul wäre?

Wo die Modernisierung der Gesellschaft in die Krise kommt, geraten die abweichenden Lebensentwürfe von Minderheiten unter Druck - das ist in Simbabwe nicht anders als (seinerzeit) in Deutschland oder Österreich. Eigentlich hat Jörg Haider genauso ein Recht auf das Privatleben in der Grauzone (oder wo sonst auch immer) wie Tsitsi Tiripano; dass freilich Afrikaner nicht nur ein Recht auf Ernährung haben, sondern ebenfalls auf ihre individuelle Sexualität, widerspricht unseren gängigen Opfer-Klischees. Die Definition, ja die Rettung des Privatlebens bleibt (auch jenseits von Big Brother) ein Fall für das 21. Jahrhundert.


Ausstellung: "Verfolgung homosexueller Männer in Berlin 1933 - 45": Schwules Museum Berlin (030 / 6931172) sowie in der Gedenkstätte Sachsenhausen (03301 / 810912); bis 30. 7. . Katalog Verlag rosa Winkel, 397 S. , 36 DM. - Literatur: Amnesty International. Das Schweigen brechen. Menschenrechtsverletzungen aufgrund sexueller Orientierung. Querverlag.
Mehr Informationen: www.schwulesmuseum.de

(Tagesspiegel  03.06.2000)
www.tagesspiegel.de

 

 

 

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