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Bericht
Das Ende der germanischen Welt
Eine Ausstellung in Berlin erinnert an das Schicksal der „Männer mit dem rosa Winkel“

Süddeutsche Zeitung, 27. März 2000
Detlef Grumbach


”Es wäre beachtenswert zu untersuchen, ob die allzu süßliche Freundschaft des Robert Steinkraus und dem Arbeitsmann Heinz Schrödter auf Verwandtschaft beruht --- oder auf andere Weise. Genaue Untersuchung wird erbeten.” Anonyme Denunziationen wie diese - den willfährigen Dienern des NS-Staats ging es dabei meist um ”höhere Werte” - standen am Beginn vieler Leidenswege Homosexueller zwischen 1933 und 1945. Nach Vorladungen und Verhörungen, Gerichtsverfahren und Haftstrafen endeten sie in der Regel in einem KZ. Viele Opfer überlebten den Nazi-Terror nicht. Dennoch wurden sie offiziell lange verschwiegen. Erst Bundespräsident Richard v. Weizsäcker gedachte 1985 in seiner Rede zum vierzigsten Jahrestag des Siegs über den Nationalsozialismus auch der ”getöteten Homosexuellen”. Was mit dem Auftreten der Schwulenbewegung – mit dem Rosa Winkel als Symbol – begonnen hatte, wurde erstmals amtlich: die Erinnerung an jene Menschen, die dann gerne auch als ”vergessene” oder ”verdrängte” Opfer des Nationalsozialismus bezeichnet werden.

Am letzten Freitag hat der Deutsche Bundestag nun über die Möglichkeit debattiert, eine Entschuldigung gegenüber den Schwulen auszusprechen und vielleicht sogar NS-Unrechtsurteile nach § 175 StGB aufzuheben. Und seit Sonntag präsentiert die Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum Berlin die Ausstellung ”Verfolgung homosexueller Männer in Berlin 1933 - 1945”. Ein solches Projekt bedeutet ein Novum für eine Einrichtung wie diese und damit auch das Eingeständnis bisheriger Versäumnisse seitens der anderen Opferverbände, wie Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, erklärte. Am Beispiel von sechzig Einzelschicksalen, aufgeteilt auf die beiden Orte, zeigt die Ausstellung die Entwicklung der Verfolgung in Berlin und die Situation der ”Männer mit dem rosa Winkel” im ”Konzentrationslager der Reichshauptstadt”.

Amtliche Dokumente, Briefe und andere persönliche Zeugnisse , Rückgriffe auf die Zeit vor 1933 und, wenn möglich, die Weiterführung der Linien über das Jahr 1945 hinaus, holen die Opfer aus der Anonymität der Statistik heraus und machen das Besondere der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung sichtbar. Auf sadistische Weise sollten Schwule ”umerzogen” werden, wurden sie von den übrigen Häftlingen isoliert, Opfer medizinischer Experimente. Entlassungen aus dem KZ kamen ab 1939 kaum noch vor. Über 600 Häftlinge wurden in Sachsenhausen bis 1943 ermordet. Während des Kriegs sank die Todesrate auch unter den homosexuellen Insassen; ihre Arbeitskraft wurde für die Kriegswirtschaft gebraucht.

Die Ausstellung macht deutlich, wie wenig wir bislang über das Thema wissen, wie groß der Bogen ist, den die Öffentlichkeit und Geschichtswissenschaft um diese Gruppe ohne Lobby machen. Die wenigen Arbeiten über das Thema kommen meist nicht aus Universitätsinstituten und Forschungsprojekten, sondern aus der Schwulenbewegung und wurden ohne die eigentlich notwenigen Ressourcen erarbeitet. Die Ausstellung verweist damit auf das Grundproblem aktueller gesellschaftspolitischer Debatten über die ”Gleichstellung” gleichgeschlechtlich liebender Menschen beiderlei Geschlechts; eine demokratische Gesellschaft darf es sich mit diesem Thema so einfach wie bisher nicht machen.

Umstritten ist die strafrechtliche Verfolgung ”einfacher”, also einverständlicher männlicher Homosexualität unter Erwachsenen, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der Weimarer Zeit sollte eine groß angelegte Reform das wilhelminische Strafrecht durch ein republikanisches ersetzten. Einfache Homosexualität sollte nicht mehr bestraft werden - eine Reform, die aber in der DDR erst 1968, in der Bundesrepublik sogar erst ein Jahr später realisiert werden sollte. Ersatzlos gestrichen wurde Paragraf 175 im Jahr 1994!

In der Weimarer Republik kam es also nicht zu der geplanten Reform: 1933 wurde die Subkultur zerschlagen, die Verfolgung nahm zu und gewann eine neue Qualität. Der Straftatbestand des Paragraf 175 wurde 1935 deutlich ausgedehnt. ”Die wollüstige Absicht gehört bereits zum Begriff der Unzucht”, heißt es im Kommentar zum neuen Gesetz. 1936 wurde die ”Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung” gegründet. 50.000 Schwule wurden in der Nazi-Zeit zu Gefängnis- bzw. Zuchthausstrafen verurteilt, zehn- bis fünfzehn Tausend wurden als ”Schutz-” oder ”Vorbeugehäftlinge” mit dem rosa Winkel in die KZ eingeliefert. Die Zahl der Getöteten lässt sich nicht mehr ermitteln.

Im ”Dritten Reich” sollte Homosexualität ausgerottet werden, weil sie - so die NS-Ideologie - ähnlich wie der als ”weibisch” geltende Jude das ”arische” Männerbild in Frage stellte, weil sie die Ordnung des Staats bedrohte, das Sittlichkeitsgefühl des deutschen Volkes verletzte und weil ihre bloße Existenz die bevölkerungspolitischen Ziele konterkarierte. ”Wenn wir dieses Laster weiter in Deutschland haben, ohne es bekämpfen zu können, dann ist das das Ende Deutschlands, das Ende der germanischen Welt”, prophezeite Heinrich Himmler.

In der DDR wurde das Nazi-Recht eliminiert, das Strafrecht jedoch nun der ”sozialistischen Moral” untergeordnet. In der Bundesrepublik argumentiert die Regierung noch in der Strafrechtsreformdebatte zu Beginn der sechziger Jahre – ähnlich wie die Nazis – mit der ”sittenbildenden Kraft des Strafgesetzes”, die ”eine schwere Gefahr für eine gesunde und natürliche Lebensordnung im Volke” abwehren müsse. Noch heute behaupten katholische Bischöfe, die Plänen zur rechtlichen Gleichstellung homosexueller Partnerschaften ”widersprächen dem Gemeinwohl und der Wahrheit des Menschen”. Für den Vizepräsidenten im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland, Hermann Barth, diese Reform setze ein falsches Signal - auch für Jugendliche. Selbst wenn man den Herren nichts Böses unterstellen will - eine gründliche Aufarbeitung der Geschichte der Verfolgung Homosexueller, ein zeitiges Anknüpfen an die demokratische Tradition der Weimarer Republik hätten solche Äußerungen verhindert, oder würden sie heute in einem eindeutigen Licht erscheinen lassen! Bis 1969 bleibt die Nazi-Fassung des Paragrafen 175 in der Bundesrepublik in Kraft, etwa 50.000 Männer wurden nach diesem Paragrafen hier verurteilt.

Die letzte Tafel der Ausstellung in Sachsenhausen ist der Wiedergutmachung an den Opfern gewidmet. Sie zeigt - ein bitteres Symbol - nichts. Sowohl das Europäische Parlament als auch die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte haben inzwischen anerkannt, dass eine strafrechtliche Verfolgung einvernehmlicher homosexueller Handlungen zwischen Erwachsenen menschenrechtswidrig ist. Dennoch hatte eine Initiative der Grünen in der letzten Legislaturperiode keinen Erfolg, entsprechende NS-Urteile aufzuheben und die Opfer zu entschädigen. Das ”Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile”, das der Deutsche Bundestag darauf hin im Sommer 1998 verabschiedet hat, erwähnt diese Urteile nicht! Auf Antrag der PDS hat der Bundestag die Diskussion dieses Themas jetzt erneut aufgegriffen, dem Bundesrat liegt eine entsprechende Initiative Hamburgs vor.

Warum aber tut sich die Gesellschaft so schwer damit, NS-Unrecht in diesen Fällen anzuerkennen? Noch in den sechziger Jahre galten Schwule nicht einmal als gewöhnlicher Verbrecher, sondern wie zuvor als besondere Gefahr für die sittliche Ordnung und den Fortbestands Deutschlands! So gesehen waren sie lange Zeit eben nicht ”vergessene” Opfer der NS-Zeit, sondern weiterhin Verfolgte. Noch hat man sich auch über die Strafurteile und die Menschenrechtsverletzungen bis 1969 keine Rechenschaft abgelegt. Bis heute hat sich die Gesellschaft ihrer Vergangenheit nur höchst unzureichend gestellt, keine Wiedergutmachung geleistet, noch nicht einmal hinreichende Mittel zur Erforschung und Dokumentation dieses Kapitels der Geschichte bereitstellt.

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Homepage von Detlef Grumbach:
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