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Unzucht unter Strafe
Eine Ausstellung zur Verfolgung Homosexueller im NS-Berlin

Von Ruth Hofmann
"Er war bei uns als homosexuell allgemein bekannt." Mit diesem Satz verrät, von der Gestapo verhört, im Juni 1938 ein Jugendlicher den Berliner Arzt Rudi Pallas. Als Leiter einer von den Nazis verbotenen bündischen Jugendgruppe war Pallas der Gestapo schon lange ein Dorn im Auge. Nun kommt er wegen homosexueller und bündischer "Umtriebe" ins Gefängnis und - nachdem die Haft verbüßt ist - "vorbeugend" ins KZ nach Sachsenhausen. Eine Rekonstruktion der Lebensgeschichte Pallas' und eine Fülle anderer Schicksale der rund 1200 in Sachsenhausen inhaftierten Homosexuellen - darunter nachweislich 600 Tote - hat die Ausstellung Die Verfolgung homosexueller Männer in Berlin 1933-45 in mühsamer Recherche zusammengetragen, erst- und einmalig in diesem Umfang.

Erinnerungsberichte, Briefe und Fotografien sind auf winkelförmig angeordneten rosa-, orange- und rotleuchtenden Schautafeln versteckt und von einem Faktengerüst blassblauer Stellwände umgeben, die chronologisch durch die Geschichte der Verfolgung lotsen. Und die beginnt mit dem, was die Nationalsozialisten als zuallererst zerschlugen: mit der blühenden homosexuellen Kultur der Weimarer Zeit, die sich, vor allem in Berlin, mit zuvor ungeahntem Selbstbewusstsein präsentiert hatte. Lokale, Nachtclubs, Zeitschriften der Schwulen- und Lesbenbewegung wurden sofort verboten. Bis zur Ermordung des SA-Chefs Röhm 1934 fühlten sich Homosexuelle noch weitgehend sicher. Röhms Homosexualität war kein Geheimnis, wie überhaupt die gesamte SA in dem Ruf stand, ein Hort gleichgeschlechtlicher Liebe zu sein. Die Schwulenverfolgung in den eigenen Reihen war nicht zuletzt eine populistische Aktion, die das Ansehen der Nazis unter ihren gutbürgerlichen Verächtern aufpolieren sollte.

Die Ausstellung scheut sich, eine Affinität zwischen Nationalsozialismus und Homosexualität zu behaupten. Stattdessen greift sie diese These auch in einem bisher wenig bekannten Zusammenhang auf: als einen "Mythos", der von antifaschistischer Seite propagiert wurde. "Oh, welche Lust ein SA-Knabe zu sein" - so lautete beispielsweise der Titel einer Karikatur auf einem antifaschistischen Flugblatt von 1932. Auch was die Motive für die nationalsozialistische Schwulenhatz angeht, bleibt die Ausstellung ausgesprochen zurückhaltend mit eindeutigen Thesen. Volkshygienewahn und Wachstumspropaganda, Angst vor der Demontage des faschistischen Männerstaats und nicht zuletzt Populismus zählten zu den Motiven.

Die Auswirkungen für homosexuelle Männer waren drastisch: 1935 wurde der Paragraph 175 verschärft und stellte jegliche Form der "Unzucht "zwischen Männern unter Strafe; ein Jahr später wurde eine "Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung" eingerichtet. 1937 und 1938 fanden reichsweite Sonderaktionen gegen Vorbestrafte statt. Schwule, die irgendwann einmal mit dem Paragraph 175 in Konflikt geraten waren, kamen in Vorbeugehaft und wurden - ohne weitere Vernehmung - ins KZ verschleppt. Noch bis zum Beginn des Krieges sollte es Entlassungen geben. Die KZ-Haft war ursprünglich als begrenzter Aufenthalt gedacht, der die Schwulen ins heterosexuelle Lager hineinerziehen sollte. Anstatt einer Bekehrung der Schwulen zur Heterosexualität kam es allerdings viel häufiger zur gefürchteten "Ansteckung" heterosexueller Männer durch ihre schwulen Lagergenossen. Um die so genannte Lagerhomosexualität in den Griff zubekommen, wurden die Homosexuellen zunehmend isoliert. Im KZ Sachsenhausen wurden sie ab 1940 in den Block der "175er" verbracht und einer Strafkompanie zugeführt, in der viele allein der unzumutbaren Arbeit wegen ihr Leben ließen.

Die Ausstellung erzählt von den Demütigungen, von gezielten Mordaktionen gegen Schwule wie der im Sommer '42, als binnen sechs Wochen 89 Homosexuelle umgebracht wurden. Vergleiche zwischen dem Leid der Schwulen und dem anderer Häftlingsgruppen vermeidet sie. Zu den Sonderbehandlungen, die den Schwulen Sachsenhausens zuteil wurden, zählen die Kastrationen, zu denen viele Häftlinge sich "freiwillig" meldeten, weil ihnen eine frühzeitige Freilassung in Aussicht gestellt wurde - ärgerlich, dass die Ausstellung bei dem Stichwort "Entmannung" auf nähere Erläuterung verzichtet. Homosexuelle Frauen übrigens tauchen nur dort auf, wo sich ihre Biografien mit denen von Schwulen berühren: ein paar Lebensdaten, einige wenige kleingedruckte Sätze zur weitaus glimpflicheren Situation der Lesben. Nun erwartet niemand, in einer Ausstellung diesen Titels auch das Leben homosexueller Frauen dokumentiert zu finden. Wenn das Thema aber schon angesprochen wird, würde man wenigstens einen Verweis auf Ravensbrück erwarten.

Erfreulich dagegen, wie detailliert sich die Ausstellung der Nachkriegsgeschichte widmet. Hier ist zu erfahren, dass nach dem Krieg schwulen KZ-Überlebenden weder finanzielle Entschädigung noch anderweitige Anerkennung als NS-Verfolgte zuteil wurde. Rudi Pallas war einer der ganz wenigen Homosexuellen, die einen "Opfer des Faschismus"-Ausweis erhielten. Und das nur, weil er als politischer Häftling galt. In einem Antwortschreiben an einen der wenigen selbstbewussten Schwulen, der um Aufnahme in den Verein für die Verfolgten des Naziregimes bittet, weist man ihn zurück mit der Begründung, Homosexuelle hätten im Gegensatz zu Juden ihre Identität verbergen können.

Homosexuelle wurden auch nach 1945 stigmatisiert und juristisch verfolgt. In der DDR war Homosexualität unter Erwachsenen noch bis 1957 strafbar, in der BRD bis 1969; eine strafrechtliche Sonderbehandlung gab es in der DDR noch bis 1988 und in den alten Bundesländern sogar bis 1994. Auch Rudi Pallas geriet erneut in die Fänge der Justiz. 1952, als die Polizei in Westdeutschland ihm wegen der Freundschaft zu einem Jungen nachstellte, nahm er sich das Leben.

Bis zum 30. Juli. Zum Thema siehe auch: Joachim Müller, Andreas Sternweiler: Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen. Verlag Rosa Winkel, Berlin 2000, 397 Seiten, 36 DM.

(Frankfurter Rundschau vom 30.06.2000)

www.frankfurter-rundschau.de

 

 

 

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