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Erinnerung an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus

Im Dritten Reich eine "Gefahr für Volk, Staat und Rasse" / Gedenktag in Sachsenhausen

Ws. ORANIENBURG, 27. Januar. In der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg ist am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus an die Opfergruppe der Homosexuellen erinnert worden. Damit ist zum ersten Mal in einer KZ-Gedenkstätte dieser Gruppe der "vergessenen" Opfer des Nationalsozialismus gedacht worden.

Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR weigerten sich die KZ-Gedenkstätten, der Opfergruppe der Homosexuellen wenigstens eine Gedenktafel zu widmen. Der erste deutsche Politiker, der zum ersten Mal die Homosexuellen in der Aufzählung der Opfer ausdrücklich erwähnte, war Bundespräsident von Weizsäcker in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten widmet die Veranstaltungen in Sachsenhausen zu dem 1996 von Bundespräsident Herzog proklamierten Gedenktag alljährlich einer besonderen Opfergruppe. Nach den polnischen Staatsbürgern und den Zeugen Jehovas - von den Nationalsozialisten als "Bibelforscher" bezeichnet - sind es dieses Jahr die Homosexuellen, im kommenden Jahr die Sinti und Roma.

Die Veranstaltungen sind von der Gedenkstätten-Stiftung gemeinsam mit dem Schwulenverband Deutschland organisiert worden. Sie umfassten einem Gottesdienst, eine Kranzniederlegung mit dem brandenburgischen Kultur- und Wissenschaftsminister Reiche (SPD) an der "Station Z" im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen - wo Häftlinge erschossen und vergast worden sind - und ein Kulturprogramm mit Lesungen und Gesang. Für das Jahr 2000 plant die Gedenkstätte Sachsenhausen gemeinsam mit dem "Schwulen Museum" in Berlin zusätzlich eine Ausstellung zur Geschichte der homosexuellen Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Für die Nationalsozialisten war Homosexualität einer der "boshaften Triebe der Judenseele", homosexuelle Betätigung eine "Gefahr für Volk, Staat und Rasse", der mit "rücksichtsloser Energie und Entschiedenheit Einhalt geboten" werden müsse. Bereits 1935 wurde der Paragraph 175 des Reichsstrafgesetzbuches verschärft und durch einen Paragraphen 175a ergänzt. Der Straftatbestand wurde erheblich ausgeweitet und das Strafmaß für homosexuelle Handlungen erhöht. Strafbar war und blieb nur Homosexualität von Männern; die seit der Einführung des Reichsstrafgesetzbuches 1871 geltende Straffreiheit für Homosexualität von Frauen blieb auch nach der Machtergreifung Hitlers erhalten. Die Nationalsozialisten richteten bei der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) ein Sonderdezernat "Homosexualität" ein; von 1936 an gab es eine "Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung". Ein Erlass des "Reichsführers SS" Himmler von 1940 verfügte die KZ-Einweisung für "alle Homosexuellen, die mehr als einen Partner verführt haben". Homosexuelle in Polizei, SS oder Wehrmacht mussten während des Krieges mit der Todesstrafe rechnen. Nach Verbüßung ihrer Strafe auf Grund der Paragraphen 175 und 175a - im Höchstfall Zuchthaus bis zu zehn Jahren - wurden homosexuelle Männer im "Dritten Reich" in der Regel in "Schutzhaft" genommen. Eine systematische Ermordung von Homosexuellen hat jedoch nicht stattgefunden.

Im Konzentrationslager Sachsenhausen waren von 1936 bis 1945 nach Mitteilung der brandenburgischen Gedenkstättenstiftung rund eintausend Homosexuelle inhaftiert. Zeitweise waren sie in der "Isolierung" untergebracht, einem von den übrigen Baracken durch einen Zaun abgetrennten Bereich. Bevorzugt wurden Homosexuelle in Sachsenhausen den "Strafkommandos" zugewiesen, bei denen besonders schwere Arbeitsbedingungen herrschten. Dazu gehörte das spätere Außenlager "Klinkerwerk", wo zunächst Baumaterialien für den Ausbau Berlins zur Hauptstadt "Germania" und später Rüstungsgüter hergestellt wurden. Hier hat 1942 allerdings eine gezielte Mordaktion gegen homosexuelle Häftlinge stattgefunden, bei der rund 200 von ihnen ermordet wurden.

Wie Joachim Müller vom "Schwulen Museum" Berlin, der zugleich Mitglied des Beirates der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten ist, weiter mitteilt, hat es nach bisher bekannten SS-Dokumenten insgesamt rund zehntausend Häftlinge in den Konzentrationslagern gegeben, die mit der Begründung "homosexuell" inhaftiert und im Lager durch einen rosa Winkel gekennzeichnet worden sind. Bei ihnen soll die Todesrate sechzig Prozent betragen haben. Bisher steht die Forschung über die Opfergruppe der Homosexuellen - auch bei den Gedenkstätten - jedoch noch in den Anfängen. Nach "bisher ermittelten, veröffentlichten Angaben" seien in der Weimarer Republik zwischen 1919 und 1932 insgesamt 9000 Männer nach Paragraph 175 verurteilt worden; zwischen 1933 und 1943 seien es 45000 gewesen. Die grundsätzliche Kriminalisierung durch den Paragraphen 175 neuer Fassung habe für rund eine Million Männer allein im "Reich" gegolten. In der Bundesrepublik blieben die Paragraphen 175 und 175a in der nationalsozialistischen Fassung von 1935 bis zum 1. September 1969 in Kraft. Die bundesdeutsche Rechtsprechung habe bis 1973 mehrfach bestätigt, dass der Paragraph 175 in der Fassung von 1935 kein nationalsozialistisches Unrecht gewesen und auf rechtsstaatliche Weise zustande gekommen sei.

Erst 1994 ist der Grund-Straftatbestand Homosexualität aus dem Strafgesetzbuch herausgenommen worden, der Paragraph 175 weggefallen. Weil die Männer, die wegen Homosexualität von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager eingewiesen wurden, als nach Paragraph 175 StGB rechtmäßig Verurteilte galten und gelten, wird ihnen die rechtliche Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus verweigert. Entschädigungen für die erlittene KZ-Haft "wurden und werden ihnen in der Regel nicht zuerkannt". Aus Anlass des diesjährigen Gedenktages zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus sagte der Sprecher des Schwulenverbandes in Deutschland Dworek: "Wir erwarten von der neuen Bundesregierung endlich die volle Rehabilitierung aller homosexuellen Opfer des NS-Regimes."


(FAZ  28.01.1999)
www.faz.de

 

 

 

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