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Ein fast vergessenes Leben

Badische Zeitung vom 27.04.2001
Artikel von Franz Schmider

Homosexuelle wurden von den Nationalsozialisten gnadenlos verfolgt, viele von ihnen ermordet. Aber als Opfer werden sie erst heute anerkannt.

Ein fast vergessenes Leben

Nichts deutete auf ein Geheimnis hin, das sich zwischen den Deckeln aus ausgeblichenem, mit Stockflecken übersätem Karton verbarg, auf ein Leben, das unvermittelt vor dem Vergessenwerden bewahrt wurde. Vor Jahrzehnten hat jemand zwei braune Leukoplaststreifen drauf geklebt, damit die sieben Buchstaben von "Gesuche" nicht direkt auf den Karton geschrieben werden müssen. So als bräuchte man die Mappe noch für später, für einen anderen Vorgang. Vermutlich war Julius L. nur einer Gewohnheit gefolgt, so hat er über Jahre Büromaterial für sein Geschäft in der südbadischen Provinz gespart. Dabei ist der Vorgang, der hier abgelegt wurde, alles andere als gewöhnlich.

Hansjörg, ein Enkel, hat die Mappe gefunden - eine Hinterlassenschaft seines Vaters Egon, der sie wiederum für den Großvater verwahrt hat. Als Hansjörg sie aufklappte, fand er darin die Spuren eines Lebens. Dem des Onkels, den er nur von Fotos kennt, über den aber ansonsten nie gesprochen wurde. Eines Lebens, das früh und grausam endete und das ein Leben voller Lügen war. Und dessen zentrale Lüge den Tod überdauerte.

"Meine Eltern haben immer erzählt, mein Onkel Heinz sei im Krieg gefallen, irgendwo im Osten", erinnert sich Markus, Hansjörgs Cousin. Erst viele Jahre später, erinnert er sich dann noch, habe der Vater einmal davon gesprochen, Heinz habe "den Juden geholfen" und sei deshalb verhaftet und umgebracht worden. Er, Markus, habe nicht weiter nachgefragt, die Geschichte eher für eine Episode gehalten, die nichts daran ändere, dass Heinz als Soldat heldenhaft kämpfend gestorben ist. Diese Version der Geschichte wäre auch dem Großvater die liebste gewesen.

Vierzig Blatt Papier sind es, die den Tod überdauert haben in der Mappe. Die meisten Bittbriefe, in denen ein Vater um das Leben seines Sohnes kämpft. Dazu, spätere, Anklagen, adressiert an die französischen Besatzungsbehörden, in denen ein Vater die Verurteilung dessen verlangt, den er für den Tod eben dieses Sohnes verantwortlich macht. Und dann schließt er resigniert die Aktenmappe. So als hätte ihn vor Stalingrad eine Kugel getroffen und wäre es nicht ein deutscher Strick gewesen, an dem Heinz’ Leben im Konzentrationslager Mauthausen endete.

"Wir erlauben uns, Sie darauf hinzuweisen, dass die in den Quellen angegebenen Todesursachen zumeist nicht mit den tatsächlichen übereinstimmen", schreibt ein Mitarbeiter der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Mauthausen fast 60 Jahre später in seiner Antwort auf die Frage, was man dort über den Tod des Heinz L. wisse. Bekannt sei nur: Am 29. September 1939 wurde Heinz L., geboren 1913 in Lörrach, vom Konzentrationslager Dachau nach Mauthausen gebracht. Dann wurde er zeitweise in das Außenlager Gusen verbracht, am 31. August 1941 nach Mauthausen zurückverlegt, in Block sieben. Heinz L. bekam die Häftlingsnummer 864. Und unter dieser Nummer wurde er bis zum 6. September 1943 geführt. An diesem Tag lautet der Eintrag im Totenbuch: "Freitod durch Erhängen". Die Leiche wurde am gleichen Tag eingeäschert. Die Eltern durften den Leichnam nicht sehen.

"Ich hatte keine Ahnung, was mit ihm passiert war, er war irgendwann einfach nicht mehr da", sagt Ottfried Vortisch, der mit Heinz L. in die gleiche Grundschulklasse ging - "bei Fräulein Härle". Viele junge Männer seien damals verschwunden, eingezogen und nie mehr wiedergekommen. Er habe Heinz dieser Kategorie zugeordnet. Niemand habe etwas erfahren, von diesem dem Vergessen und Verdängen anheim gestellten Leben.

Und dann erinnert er sich doch: In den siebziger Jahren, da habe er einmal mit Heinz’ Schwester gesprochen, er habe nach dem Bruder gefragt, der ja immer "ein lustiger Kerl" gewesen sei, mit einer großen musikalischen Begabung versehen. Ganz im Vertrauen habe die Schwester dann geflüstert: Ja, den hätten die Nazis umgebracht. Weil er "ein 175-er" war. Hansjörg und Markus, die beiden Neffen, haben davon nie etwas erfahren. Für sie blieb der Onkel ein Kriegsopfer. Bis zum Fund der Mappe.

Aus den darin gefundenen Papieren lässt sich das Leben von Heinz L. nur in Bruchstücken rekonstruieren. Am 14. Oktober 1936 wurde er in Lörrach verhaftet. Er sei provoziert worden, mutmaßen die Eltern später, selbst schockiert über den Vorwurf. Auffallend immerhin ist, dass ein geschäftlicher Konkurrent des Vaters - zugleich der lokale Gestapochef - das Verfahren vorantreibt. Am 7. April 1937 verurteilte das Landgericht Freiburg Heinz L. zu einer Haftstrafe von zehn Monaten.

Weder beim Landgericht, noch im Landesarchiv finden sich irgendwelche Akten - Prozesse gegen Schwule erschienen in den Nachkriegsjahren nicht so wichtig, die Protokolle konnten nach Ablauf der üblichen Fristen vernichtet werden. Wohl aber zitiert der Vater in einem Gnadengesuch aus der Urteilsbegründung. "Straferhöhend", soll der Richter demnach gewertet haben, dass der Angeklagte "als Sohn wohlhabender Eltern sich mit den Arbeitern S., H. und S. vergangen hat" und dass er diese durch Geschenke "seinen Lüsten geneigt" gemacht habe. Die "unzüchtigen Handlungen" hätten "in Onanierhandlungen" bestanden.

Im Herbst 1937 wurde Heinz L. aus der Haft entlassen, kurze Zeit später wird er in Karlsruhe erneut verhaftet. Er wird zu drei Monaten Haft verurteilt. Dies deutet aus Sicht der Eltern darauf hin, dass die ihm vorgeworfene Tat nicht schwerwiegend gewesen sein kann. Heinz L. blieb nach Verbüßung der Strafe in "Schutzhaft".

Die Briefe der beiden Brüder Franz und Egon, vor allem aber des Vaters sind erschütternde Zeugnisse für die Demütigungen durch das System. Nach der Verschärfung des Paragrafen 175 im Jahr 1935 hatten die Nationalsozialisten ein geheim arbeitendes Sonderreferat beim preußischen Landeskriminalhauptamt eingerichtet, das für alle Fälle von entdeckter Homosexualität zuständig war. Auf lokaler Ebene war die Gestapo zuständig. Entsprechend devot musste Julius L. ausgerechnet an den örtlichen Gestapochef schreiben, den er doch verdächtigt, seinen Sohn angezeigt zu haben. Er richtet zudem mehrere Gnadengesuche an Hitlers Kanzlei - "Mein Sohn Heinz hat einen Wunsch, und das ist der, zum Heeresdienst eingezogen zu werden '.'.'. Wir bitten daher unserem Sohn die Gelegenheit zu geben, durch Frontbewährung zu beweisen, dass er gewillt ist, ein vollwertiges Glied des deutschen Volkes zu werden." - die Söhne Franz und Egon sowie der Verlobte der Schwester an Gestapochef Heydrich, die Reichskanzlei und die Gestapozentrale in Karlsruhe. Die Antwort ist immer wieder die gleiche: Das Gnadengesuch wird abgelehnt.

Sexualität war den Nazis keine Privatsache, sondern ein Bestandteil ihrer rassistischen Bevölkerungspolitik. "Die homosexuellen Männer sind Staatsfeinde und als solche zu behandeln", sagte Heinrich Himmler, der "Reichsführer SS", bei einer Arbeitstagung 1937. Schwule SS-Mitglieder müssten in ein Konzentrationslager gebracht und dort "auf der Flucht erschossen" werden. Umarmungen und "wollüstige Blicke" reichten für eine Verhaftung, von 1940 an war die Einweisung der Homosexuellen in ein KZ zwingend. Der Verfolgungseifer richtete sich dabei vornehmlich auf Männer, der neue Staat müsse "die gleichgeschlechtliche Unzucht zwischen Männern besonders bekämpfen". Das Schicksal der Homosexuellen in der Nazidiktatur könne man "nur als entsetzlich bezeichnen", schreibt Eugen Kogon.

Während sich die Eltern und Geschwister in Lörrach um Heinz’ Freilassung bemühen, muss dieser in Gusen in den Steinbruch ausrücken. "Man wusste morgens nie, ob man abends noch lebend ins Lager zurückkam", schreibt der Mitgefangene Willy V. am 19. Juli 1947 an die Eltern. Er war mit Heinz in das "Himmelfahrtskommando" eingeteilt, bei dem die Gefangenen im Laufschritt Steine schleppen mussten. Doch der Speditionskaufmann, der Französisch und Italienisch sprach, wurde im Büro gebraucht und bald nach Mauthausen zurückgebracht.

Eines Abends, schreibt V., wurde Heinz L. vom Lagerführer aufgefordert, sich "beim Alten", dem Kommandanten Zierreis, zu melden. Wieder hatte er versucht, einen Brief an der Zensur vorbei an die Familie zu schicken, diesmal an seinen Bruder. Wieder war er abgefangen worden. "Ich glaube, Sie haben das letzte Mal geschrieben", habe der Aufseher angekündigt. Am Abend sprach V. kurz mit Heinz, am nächsten Vormittag habe Zierreis, der stets eine Reitpeitsche dabei hatte, ihn in der Zelle besucht. Kurze Zeit später war Heinz L. tot, seine Leiche wies laut V. "viele Schlagstellen auf". Es stehe fest, "dass Zierreis ihn mit einem Stück Lichtleitungsdraht erdrosselt hat. Dies war einwandfrei zu sehen, denn aus diesem Grund wurde seine Leiche auch eine halbe Stunde später verbrannt, damit keiner etwas sehen sollte."

Nach vorsichtigen Schätzungen wurden in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur 50.000 Homosexuelle zu Gefängnis- oder Zuchthausstrafen verurteilt. Zwischen 10.000 und 15.000 von ihnen blieben nach Verbüßen ihrer Strafe in "Schutzhaft" und wurden in Konzentrationslager verlegt, die wenigsten von ihnen überlebten die fürchterlichen Qualen, denen sie ausgesetzt waren. So zog in Buchenwald der Lagerarzt Dr. Vaernet die Homosexuellen zu Menschenversuchen heran. Die Männer mit dem rosa Winkel an der Häftlingskleidung - die politischen Gefangenen trugen hingegen rote Winkel - standen in der Häftlingshierarchie auf der untersten Stufe. "Sie litten unsagbar; denn keine Idee stützte sie", schreibt der Schriftsteller Günther Weissenborn, selbst KZ-Häftling.

Bis 1959 reichten nur 14 schwule Männer einen Entschädigungsantrag nach dem damals geltenden Gesetz ein - kein Wunder: der Paragraf 175 wurde in der Bundesrepublik erst 1969 und dann nochmals 1973 reformiert und erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Es dauerte bis zum Dezember 2000, ehe der Bundestag eine formelle Rehabilitierung der verurteilten Homosexuellen beschloss. Die Urteile gegen sie sollen aufgehoben werden. Außerdem wird zur Entschädigung die Gründung einer Stiftung angeregt.

Eine letzte Spurensuche führt in die Wohnung der verstorbenen Tante, der Heinz’ Schwester. Nach langem Suchen findet sich in einem Schrank ein verstaubter Karton mit Fotoalben. Einige wenige zeigen die drei Brüder bei einem gemeinsamen Ausflug in einer offenen Limousine, dann die Familie vor dem Haus, im Haus, Heinz, wie immer mit streng gezogenem Scheitel zusammen mit seiner Schwester, eines mit dem Hund der Familie. Bilder, die einen ernst dreinblickenden Mann mit einem kräftigen Kinn und tiefen Augenhöhlen zeigen, der älter aussieht als er ist, der mit Anfang 20 aber auch die unbeschwerten Jahre der Jugend hinter sich hatte. Es sind wenige Bilder, Heinz war im Internat in Meersburg, dann während der Ausbildung in Italien und Frankreich. Und als er gerade 23 Jahre alt war, war die Zeit, die die vier Geschwister miteinander hatten, auch schon abgelaufen. Und dann findet sich da noch ein Andachtsbild, das zum Trauergottesdienst gedruckt wurde. Darauf wird Maria, die "Königin der Märtyrer", um Fürbitte angerufen.

Im "Gedenkbuch" der Stadt Lörrach, das den Opfern der Nazidiktatur gewidmet ist, sind neben den Gefallenen die Namen von 48 ermordeten Juden die von drei Zeugen Jehovas, drei politisch Verfolgten und drei weiteren Opfern das Naziterrors aufgenommen. Damit sie nicht vergessen werden. Der von Heinz L. ist nicht darunter.

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www.badische-zeitung.de

 

 

 

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