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Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland

19.05.07

Die Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland hat auf ihrer Sitzung am 15. und 16. Mai 2007 in der Gedenkstätte Buchenwald auch über den Streit um Ausgestaltung und Widmung des in Berlin entstehenden zentralen Denkmals zur Erinnerung an die Verfolgung der Homosexuellen durch die Nationalsozialisten diskutiert.

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft begrüßen sehr, dass nach langen Jahren des Vergessens und Verschweigens diesen Opfern nun mehr auch in der Bundeshauptstadt Berlin öffentlich gedacht werden soll. Die Mitglieder sind sich bewusst, welcher Auseinandersetzungen und welchem Einsatz es bedurfte, diesen Verfolgungskomplex, diese Opfer dem Verdrängen zu entreißen.

Der Arbeitskreis stellt allerdings mit großer Sorge fest, dass gegenwärtig eine neue Debatte um die konkrete Ausgestaltung des Denkmals stattfindet, obwohl der Entwurf durch eine unabhängige Jury unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit ausgewählt wurde.

In dieser Auseinandersetzung rückt das Andenken an die homosexuellen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung offenbar immer mehr in den Hintergrund und auch die historischen Tatsachen werden gegenwärtigen und zukünftigen politischen Zwecken mehr und mehr untergeordnet. Die Verzerrung der Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke – und mag sie noch so gut gemeint sein – beschädigt und delegitimiert aber die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Ganzen.

Die Arbeitsgemeinschaft sieht daher mit großen Bedenken, wie durch den Streit um die Ausgestaltung des Denkmals für die verfolgten Homosexuellen und die verschiedensten Versuche nachträglicher Einflussnahme allgemeine Trends der deutschen Erinnerungskultur fortgesetzt und verstärkt werden, die zu einer immer stärkeren politischen Instrumentalisierung des Gedenkens führen.

Weimar-Buchenwald, den 19. Mai 2007

Prof. Dr. Volkhard Knigge
Sprecher der Arbeitsgemeinschaft, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe sind: Dr. Barbara Distel, Leiterin der Gedenkstätte Dachau; Dr. Insa Eschebach, Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück; Dr. Jens Wagner, Leiter der Gedenkstätte Mittelbau-Dora; Dr. Detlef Garbe, Leiter der Gedenkstätte Neuengamme; Thomas Lutz, Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors; Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen; Dr. Thomas Rahe, Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg.

***

Antwortschreiben von LSVD und Denkmalsinitiative zur Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland

04.06.2007

Herrn
Prof. Dr. Volkhard Knigge
Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in der Bundesrepublik Deutschland
Gedenkstätte Buchenwald
99427 Weimar-Buchenwald

Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Knigge,

als Initiatoren des kommenden Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen danken wir Ihnen nachdrücklich für Ihre Stellungnahme vom 19. Mai 2007. Wir freuen uns sehr über die Unterstützung aus den Gedenkstätten, die an den authentischen Orten die Erinnerung an die NS-Verbrechen bewahren. Wir möchten Sie herzlich bitten, diesen Dank auch an Ihre an der Entschließung beteiligten Kolleginnen und Kollegen zu übermitteln.

Wir teilen Ihre Auffassung, dass bei der Ausgestaltung des Gedenkortes das Andenken an die homosexuellen Opfer nicht in den Hintergrund rücken darf. Ebenso stimmen wir mit Ihrer Warnung vor Verzerrung der Vergangenheit und politischer Instrumentalisierung des Gedenkens überein.

Daher haben wir uns auch erfolgreich dafür eingesetzt, dass der Gedenkort durch eine künstlerisch gestaltete schriftliche Information ergänzt wird, die historische Fakten über die nationalsozialistische Verfolgung vermittelt. Auch wenn es sich nicht mehr um NS-Opfer im engeren Sinne handelt, sollte in dieser begleitenden Information unserer Ansicht aber nicht unerwähnt bleiben, dass homosexuelle Männer auch nach 1945 weiter strafrechtlich verfolgt wurden und der 1935 massiv verschärfte § 175 StGB in der Bundesrepublik in seiner Nazi-Fassung unverändert bis 1969 in Kraft blieb.

Gedenk- und Erinnerungsarbeit lässt sich selten von der Auseinandersetzung mit aktuellen Erscheinungsformen von Antisemitismus, Rassismus oder Homophobie trennen. Auch die KZ-Gedenkstätten geben aus ihrer Gedenk- und Erinnerungsarbeit heraus vielfältige Anstöße für die heutige Zeit. Ähnliches erhoffen wir uns vom Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Das Denkmal soll laut Beschluss des Deutschen Bundestages vom 12.12.2003

"- die verfolgten und ermordeten Opfer ehren,
- die Erinnerung an das Unrecht wachhalten,
- ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen."

Mit dieser Widmung stimmen wir Initiatoren überein.

Der im Kunstwettbewerb ausgewählte Entwurf des Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset nimmt Bezug auf das gegenüber liegende Holocaust-Denkmal. Als Grundform ist eine Stele geplant, die jenen von Peter Eisenman ähnelt. Durch ein Fenster, das schräg in eine Ecke des Kubus eingeschnitten ist, sieht man – so die Ursprungsplanung – ein projiziertes Filmbild einer scheinbar endlosen Kussszene zwischen zwei Männern. Die Wettbewerbsgewinner haben sich der öffentlichen Diskussion mit großer Ernsthaftigkeit gestellt und ihren Entwurf zwischenzeitlich weiterentwickelt. Ihr neuer Vorschlag sieht vor, im Zwei-Jahres-Rhythmus anderen Künstlerinnen und Künstlern zu ermöglichen, in der geplanten Stele ihre Interpretation eines gleichgeschlechtlichen Kusses zu präsentieren.

Wir sind der Auffassung, dass es den Künstlern damit gelungen ist, ihren Entwurf für das Homosexuellen-Denkmal überzeugend weiter zu denken. Der Wechsel des Filmbildes ermöglicht es, der vielfältigen Aufgabenstellung des Auftraggebers gerecht zu werden, indem periodisch neue thematische Schwerpunkte gesetzt werden können. Gerade aus seiner Geschichte heraus sehen wir Deutschland in einer besonderen Verantwortung, Menschenrechtsverletzungen gegenüber Schwulen und Lesben entschieden entgegenzutreten. In vielen Teilen dieser Welt werden noch heute Menschen wegen ihrer sexuellen Identität verfolgt, ist homosexuelle Liebe strafbar, in einigen Staaten sogar mit Todesstrafe bedroht.

Die geplanten Wechsel des Videobildes halten das Denkmal aktuell, sie können die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen gegenüber Homosexuellen immer wieder neu beleben, ebenso die Beschäftigung mit heutigen Menschenrechtsverletzungen, die Männer und Frauen aufgrund ihrer sexuellen Identität erleiden.

Mit freundlichen Grüßen

Albert Eckert
Initiative Der homosexuellen NS-Opfer gedenken

Günter Dworek
LSVD-Bundesvorstand

 

 

 

 

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